...(gesprochen "skedschjul") ist das englische Wort für "Zeitplan".
Damit ihr Bescheid wisst, wie eine "normale" Woche bei mir abläuft und was da so vonstatten geht, möchte ich euch meinen wöchentlichen "schedule" einmal näher erläutern.
Zur Hilfe, aber auch für die Faulen oder Ich-hab-jetzt-keine-Zeit-um-das-alles-durchzulesen-Menschen unter euch, habe ich einen Plan angefertigt, der so ziemlich alles beinhaltet:
Meine Arbeitswoche beginnt mit dem Dienstag:
Um 8Uhr klingelt mein Wecker. Nachdem wir uns für den Tag gerüstet haben (Essen, benötigte Materialien), geht es um 9Uhr zur Bushaltestelle. Nach einer Stunde in öffentlichen Verkehrsmitteln kommen wir in einer Kirche an, in welcher wir von 10-12Uhr Worship (=Lieder singen) und Bibelarbeit haben. Hier besteht auch die (einzige) Möglichkeit der Woche, private Post zu bekommen. Um 12Uhr fahren wir eine Stunde zu unserem Camp. Von 13-15Uhr ist Tagesplanung: wir haben eine gemeinsame Andacht, beten für den Tag und bereiten alles vor für die Zeit mit den Kindern. Um 15Uhr fahren wir zur Schule um die Kinder gegen 15.30Uhr abzuholen damit wir rechtzeitig um 16Uhr im Camp Hope ankommen. Von 16-18Uhr ist Camp. Ablauf:
15.55 - 16.05Uhr: SNACK (Kleinigkeit zu Essen für die Kinder, z.B.: Obst, Kekse...)
16.05 - 16.25Uhr: HOMEWORK (Hausaufgaben mit den Kindern, Lesen und Schreiben üben)
16.25 - 16.35Uhr: FREE TIME (Die Kinder haben Freizeit, meisten Spielen, Malen oder Reden wir)
16.35 - 17.00Uhr: WORD UP (Bibelarbeit mit den Kindern)
17.00 - 17.20Uhr: GAMES (Spiele, Dienstags in einem Zimmer, Donnerstags in der Sporthalle)
17.20 - 17.40Uhr: CLOSING PROGRAM (Alle Kinder von 5-14 Jahren sind zusammen. Wir singen gemeinsam, spielen ein Spiel und haben Zeit für sonstige Verkündigungen).
Um 18Uhr fahren wir die Kinder nach Hause. Von 18.30-19Uhr haben wir "debriefing" (=Tagesrückblick). Wir diskutieren und erzählen, was gut und was weniger gut war. Von 19-20.30Uhr ist "moms program" (=Mutterprogramm). Die Mütter kochen für uns und für die Kinder. Es ist eine super Gelegenheit auch einmal die Mütter kennenzulernen. Wir haben eine Andacht für die Kinder und spielen gemeinsam. Von 20.30-21.00Uhr ist "debriefing" (=Rückblick) des Mutterprogramms. Um 21Uhr fahren wir nach Hause und kommen um 22Uhr Zuhause an.
Der Dienstag ist mein längster und anstrengendster Tag. Insgesamt bin ich 13 Stunden unterwegs.
Mittwoch:
Da wir dienstags so spät nach Hause kommen, haben wir Mittwoch morgens frei. Um 13Uhr fahren wir zum Camp, denn von 14-15.30Uhr ist Tagesplanung. Mittwochs haben nur die Jugendlichen Camp, die Kinder haben frei. Von 15.30-17.00Uhr ist Camp, allerdings teilen wir die Jugendlichen in Jungs und Mädchen auf. Ruthann und Rebecca machen mit den Mädchen das Mädchenprogramm, Caleb und ich mit den Jungs das Jungsprogramm: wir diskutieren mit den Jungs, was es heißt, ein Mann zu sein, wie ein Mann sich gegenüber einer Frau zu verhalten hat und betrachten hierbei gemeinsam Männer aus der Bibel (Jesus, Jünger, Moses, Noah,...). Desweiteren haben wir jede Woche eine "lifeskill" (=Fähigkeit, die für das Leben notwendig ist, wie z.B. Backen, Kochen, Fitness, wie man einen Nagel in die Wand schlägt...etc). Das Ganze hört sich sehr banal und primitiv an, jedoch ist es das für unsere Jungs nicht. Ob ihr es glaubt oder nicht, aber als ich in der Küche stand und das Geschirr gespült hab, kam Trevor rein und meinte: "Was? Ein Mann, der das Geschirr spült??!!". Und die meisten unserer Jungs wissen nicht einmal, dass man um eine Nagel in die Wand zu schlagen, einen Hammer benötigt.
Um 17Uhr bringen wir die Kinder nach Hause. Wir Leiter fahren anschließend in die Kirche, essen etwas und nehmen an AWARNA (=Jungschar für Kinder der Kirche und ein paar unserer Kids) von 18.30-20.30Uhr teil. Um 21Uhr fahren wir nach Hause und kommen um 22Uhr Zuhause an.
Donnerstag:
7.30Uhr: Aufstehen. 8.30-9.30Uhr zur Kirche fahren. Von 9.30-12Uhr ist "Intern Class" (=Schulung für uns Leiter). Dort lernen wir zum Beispiel wichtige Dinge über Gangs in Toronto, Drogendealing, Fundraising, die Bibel,... das Ganze ist sehr (!) hilfreich.
Um 12Uhr fahren wir zum Camp. Der Rest des Tages gleicht dem Donnerstag, jedoch haben wir kein Mutterprogramm, sondern beenden unseren Tag um 19Uhr und kommen um 20Uhr Zuhause an.
Freitag:
9Uhr: Aufstehen. Von 10-12Uhr haben wir Andacht in unserer WG. Von 13-15Uhr ist Tagesplanung im Camp. Freitags ist "Fun-Friday" (=Spaßfreitag). Wir kochen für die Kinder und nach dem gemeinsamen Essen steht irgendeine Art von Spaßaktivität an. Das kann von raus in den Wald gehen, über "wie-forme-ich-etwas-aus-Knete" bis hin zu an den Strand gehen. Nächste Woche ist zum Beispiel Deutschland-Tag :). Da werd ich deutsch kochen, deutsche Spiel mit den Kindern spielen und Dinge thematisieren, die typisch deutsch sind. Hier brauch ich EURE Hilfe! (-> für Anregungen im Gästebuch oder per Mail wäre ich sehr dankbar!!!)
Nachdem wir die Kinder um 19Uhr nach Hause gebracht haben, kommen auch wir um 20Uhr Zuhause an.
Samstag:
Samstags ist Kidstrip-Tag. Wir suchen uns jeweils ein Kind aus, um die Beziehung zu einem einzelnen Kind zu verbessern und zu intensivieren. Samstage sind meine Lieblingstage, denn wir haben einfach unendlich viel Spaß mit den Kindern und es ist eine super Möglichkeit um das "one-on-one" (=das Einzel) zu fördern. Nach meiner Musikteamprobe am Morgen für den Sonntagsgottesdienst holen wir die Kinder ab und unternehmen ganz unterschiedliche Dinge. Bisher haben wir ein Eishockeyspiel und ein Chorkonzert besucht, waren mit den Kindern auf der Santa-Claus-Parade und im IKEA.
Meist dauert der effektive Trip mit den Kids (excl. Travel) nur ca. 2h. Jedoch verbringe ich Samstags sehr viel Zeit in Bus und Bahn. Wir fahren eine Stund ins Camp, holen die Kinder ab, fahren irgendwohin, bringen die Kinder nach Hause und fahren heim. Alles in allem bin ich Samstags NIE unter 5 Stunden unterwegs.
Sonntag:
7.30Uhr: Aufstehen. 8.30Uhr: Zum Camp fahren. 9.30Uhr: Kinder abholen. 10Uhr: Zur Kirche fahren.
10-12Uhr: Gottesdienst. 12Uhr: Kinder nach Hause bringen. 13Uhr: Nach Hause fahren. 14Uhr: Zu Hause ankommen.
Auch hier könnt ihr sehen, dass, obwohl der Gottesdienst nur 2 Stunden dauert, ich aufgrund der Rumfahrerei 5-6 Stunden unterwegs bin.
Montag:
Frei. Montag ist gefüllt mit Dingen, für die unter der Woche sonst keine Zeit bleibt, wie z.B.:
Wäsche waschen, Einkaufen gehen, Apartment putzen, Sachen vorbereiten für die kommende Woche, Skypen mit Familie und Freunde aus Deutschland (was sehr viel Zeit in Anspruch nimmt!), mal ein leckeres Essen kochen oder etwas backen oder einfach nur Zeit zum entspannen haben.
Wie ihr unschwer erkennen könnt, bin ich sehr viel unterwegs und verbringe jeden Tag zwischen 2-4 Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber das ist für die Kanadier etwas ganz normales. Aufgrund der riesigen Distanzen (letztens bin ich 2,5 Stunden durch Toronto gefahren und auf der Karte schaut es aus als sei ich 5min zum Supermarkt gelaufen) hat man keine andere Möglichkeit als täglich einiges an Zeit in Bus und Bahn zu verbringen.
Summa summarum, wenn ich alle Zeit zusammenrechne, die ich außerhalb meines Apartments verbringe (nur aus "arbeitstechnischen" Gründen), komme ich auf eine 60 Stunden Woche. Davon gehen alleine 20 Stunden in Bus und Bahn. Wenn ich das ganze Jahr betrachte, so verbringe ich mehr als einen ganzen Monat in öffentlichen Verkehrsmitteln. Da frag ich mich manchmal schön, wie ich diese Zeit sinnvoll nutzen kann, wo ich doch kein Laptop mit mir habe. Meist bleibt nichts anderes übrig als zu lesen oder Musik zu hören :).
Falls ihr mich also persönlich erreichen wollt (entweder kostenlos per Festnetz: 07233 810470 - funktioniert allerdings nur, wenn ich meinen PC angeschalten habe, da ich meine Öschelbronner Festnetznummer nun auf meinem PC benutze, also einfach probieren - oder per Skype), dann ist das nur zu den Zeit möglich, die ich in meinem Zeitplan mit "Frei" markiert habe.
Also: Montags ab 10 (ab 16Uhr dt. Zeit), Mittwochs zwischen 10 und 13Uhr (16-19Uhr dt. Zeit), Samstag je nach Kidstrip (meistens ab 16 Uhr, also 22 Uhr dt. Zeit) oder Sonntags ab 14Uhr (20Uhr dt. Zeit).
Allerdings kann ich auch nicht immer versprechen, dass ich zu den genannten Zeiten erreichbar sein werde, da wir oft unsere Freizeit für gemeinsame Zeit (meist geprägt von Fitnessstudio, aber auch Spieleabende, Filmeabende oder einfach nur zusammensitzen und reden) nutzen, was meines Erachtens nach sehr wichtig ist um einfach das Miteinander hier zu fördern und mit Caleb, Marwin, Elli, Vera, Michi, Becca und Ruthann zu leben!
Soooo... ich hoffe, ich konnte euch einen mehr oder weniger detaillierten Einblick in mein Leben hier geben.
Falls ihr irgendwelche Fragen oder Kommentare habt, kann ich nur auf mein Gästebuch verweisen - ich freue mich über jeden einzelnen Eintrag!
Liebe Grüße aus dem mittlerweile kälter werdenden Kanada,
euer Kevin
Montag, 21. November 2011
Samstag, 12. November 2011
camp hope...
...ist meine "Arbeitsstelle".
Wir alle arbeiten mit Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen. Die Kinder sind größtenteils dunkelhäutig, temperamentvoll, zwischen 5 und 14 Jahre alt, ohne Vater aufgewachsen (fast alle Mütter sind alleinerziehend) und leben in Wohnungen, die sie vom Staat zur Verfügung gestellt bekommen. All diese Wohnungen sind auf drei "Viertel" aufgeteilt: Firvalley, Cataraqui und Layton. Wenn ihr die letzten drei Sätze ein paar Mal durchlest und versucht euch auszumalen, was jedes dieser Kriterien für ein Kind bedeutet, bekommt ihr ein schwaches Bild von dem Teufelskreis, in dem die Kinder feststecken.
Falls nicht, möchte ich euch auf die Sprünge helfen:
Die Kinder sind dunkelhäutig, d.h. sie grenzen sich schonmal lediglich durch ihre Hautfarbe von der Mehrheit der Gesellschaft in Toronto ab. Ich brauche an dieser Stelle nicht erwähnen, was - laut seriöser Umfragen - dunkle Haut in einer weißen Gesellschaft für Nachteile mit sich bringt (ein weißer und ein schwarzer mit den gleichen Qualifikationen und der gleichen Kompetenz bewerben sich für einen Job - wer wird eingestellt?!)
Die Kinder sind temperamentvoll, da entweder sie selbst oder die Generation davor von Jamaika ausgewandert sind. Temperament, Starrsinnigkeit und Lebhaftigkeit gehen sehr oft Hand in Hand. Da ist es nicht schwer zu erahnen, dass die Kinder oft in einer Diskrepanz zwischen "jamaikanischer Kultur" und "kanadischer Kultur" stecken.
Die Kinder sind zwischen 5 und 14 Jahre alt, d.h. sehr leicht beeinflussbar. Diese Altersgruppe wird sehr gerne als "Runner" benutzt; mehr dazu gleich.
Die Kinder sind ohne Vater aufgewachsen. Die Mütter sind (fast) alle alleinerziehend, in ihrer Kindheit oft (sexuell) missbraucht worden und folglich größtenteils physisch und/oder psychisch kaputt. Dies wiederum hat zur Folge, dass unsere Kinder (meist die älteren Geschwister) den Haushalt alleine schmeißen müssen - von Kochen über Putzen bis hin zu Geschwister erziehen. Kurzes Beispiel: Eine unserer Mütter ist mit einem jamaikanischen Mann verheiratet, der leider kein Visum bekommen hat um nach Kanada einzuwandern. Deshalb möchte sie jetzt für einen Monat nach Jamaika fliegen um ihren Mann zu besuchen. Die Kinder bleiben allein zu Hause, was illegal ist, denn das älteste Kind ist gerade mal 16 Jahre alt und vor wenigen Tagen mit dem Messer abgestochen worden. Die Mutter juckt das jedoch überhaupt nicht. Die Kinder bleiben daheim (die zwei ältesten Geschwister (15 und 16) schmeißen den Haushalt und kümmern sich um die jüngeren Geschwister) während Mami nach Jamaika fliegt.
Die Kinder leben in staatlichen Wohnungen. Ich glaube dieses Kriterium ist ziemlich selbsterklärend: Wer in staatlichen Häusern lebt ist von der Gesellschaft ausgrenzt. Die komplette Gesellschaft schaut auf die "Assis" herab. Welche Möglichkeit hat da ein Kind in der Gesellschaft aufzusteigen? Vom Tellerwäscher zum Millionär - ein Traum! Wohl eher: Vom Tellerwäscher zum Straßenfeger.
Wer von euch kennt in Pforzheim das Mau Mau Gebiet? Wie schwer ist es, aus diesem Teufelskreis herauszukommen? Welcher Harz IV Empfänger jammert nicht, dass er nach 4 Jahren Arbeitslosigkeit fast keine Chance mehr hat in die Arbeitswelt einzusteigen?
Und last but not least (= nicht zuletzt): Die Kinder leben ALLE in 3 Vierteln und diese grenzen aneinander an. Das heißt, dass alle sozial schwachen Familien auf einem Haufen wohnen. Das größte Problem? Drogenhandel! Hier wird mit Drogen gedealt ohne Ende. Wenn ich M. (6 Jahre alt) abends nach Hause bringe und die Haustüre geht auf, werde ich erstmal vom Gestank von Marihuana ins Gesicht geschlagen. Das Haus ist jeden Tag voll mit Menschen, die sich bekiffen. Da tut es mir unendlich leid, M. in diese Verhältnisse abzuschieben. Wo diese Drogen herkommen? Von "oben" - von den "Bikers". Diese wiederum geben die Drogen an jemanden, der sie jemandem gibt, der sie jemandem gibt, der sie jemandem gibt, ... bis sie letztendlich in den Familien unserer Kinder für ca. 10$ (~7€) pro Gramm ankommen. Hier kommen die bereits erwähnten "Runner" (siehe oben) ins Spiel. Drogendealer versuchen Kinder in die Szene zu ziehen, die den Rennpart für sie übernehmen. Beispiel: Ein Drogendealer trifft einen Käufer - beide wollen anonym und möglichst sicher bleiben. Deshalb muss die Droge vom Dealer zum Käufer kommen. Wer rennt am besten? Minderjährige, da sie nicht haftpflichtig sind - d.h. Kinder unter 16 Jahren. Der Reiz für unsere Kids? Schnelles Geld. Und schon sind sie in der Drogenszene involviert. Sehr leicht rutscht man tiefer und tiefer ins Geschäft.
Ich hoffe, ihr erkennt die Gefahr des Teufelskreises. Wie kommt man da wieder raus? Nur indem man erkennt, dass vieles falsch ist und sich bewusst dagegen entscheidet; auch wenn dies zur Folge hat, pleite zu sein und sehr wahrscheinlich verschlagen oder abgestochen zu werden, denn Wissen ins bekanntlich Macht.
Wie dem auch sei. Unsere Aufgabe ist es die Kinder aus dieser Scheiße (entschuldigt meinen Wortlaut, aber das Wort passt einfach perfekt) herauszuholen. Unsere Aufgabe ist es die Kinder außer Gefahr zu bringen. Unsere Aufgabe ist es das Risiko wegzunehmen.
Deshalb holen wir die Kinder nach der Schule (15.30 Uhr) ab und gehen gemeinsam ins Camp. Das Camp ist nichts anderes als eine Kirche. Kirchen in Kanada beinhalten automatisch auch eine Turnhalle, viele viele Räume, eine Küche, etc... perfekt für ein After-School-Program (=Programm nach der Schule).
Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: die Arbeit mit den Kindern (5-10 Jahre) oder die Arbeit mit den Jugendlichen (11-14 Jahre). Ich arbeite mit den Jugendlichen, was anfangs sehr schwer war, da die Kinder den Leitern sofort um den Hals gefallen sind, während die Jugendlichen überhaupt nichts von uns wissen wollten. Beziehungen aufzubauen dauert seeeeehr lange, aber es ist einfach genial mit anzuschauen, wie wir das Vertrauen der Kinder immer mehr gewinnen und unsere Beziehung zu den Kids intensivieren können. Letztendlich bin ich mega froh, mit den Jugendlichen zu arbeiten, denn sobald man ein Fundament geschaffen hat, können die Jugendlichen einem viel mehr geben als die Kinder.
Das Programm mit den Kindern geht von 16-18 Uhr. Beinhaltet ist: Snack (die Kinder sind hungrig nach der Schule. Viele Kinder bekommen zu Hause nicht genug zu essen), Hausaufgaben machen (viele meiner 11-14 jährigen Kinder können nicht richtig lesen und schreiben, weshalb dieser Part sehr wichtig ist!), Spiele (perfekt, um Spaß mit den Kids zu haben um Beziehen auszubauen; nur so können die Kinder auch sehen, dass wir nicht nur Leiter sind, sondern auch Kinder sein und Spaß haben können), Word Up (= Bibelarbeit; die Kinder hören von Gottes Wort - viele Familien sind streng gläubig aufgrund des jamaikanischen Hintergrunds) sowie das Abschlussprogramm mit Lieder singen, Spiele mit den kleinen Kindern, Gebet und Abkündigungen.
Um 18.30 Uhr bringen wir die Kinder dann nach Hause. Zwei Stunden pro Tag ist auf den ersten Blick sehr wenig Zeit. Wir versuchen jedoch, keine Zeit zu verschwenden, sondern möglichst viel verschiedenes und für die Kinder sinnvolles reinzupacken.
Neben den zwei Stunden mit den Kindern hab ich natürlich noch so einiges anderes zu tun. Doch von meinem generellen Zeitplan möchte ich in meinem nächsten Blogeintrag berichten, sodass ich ihr einen Überblick von dem bekommt, was ich so über die Woche hinweg mache.
Liebe Grüße aus dem kälter werdenden Kanada,
euer Kevin
Wir alle arbeiten mit Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen. Die Kinder sind größtenteils dunkelhäutig, temperamentvoll, zwischen 5 und 14 Jahre alt, ohne Vater aufgewachsen (fast alle Mütter sind alleinerziehend) und leben in Wohnungen, die sie vom Staat zur Verfügung gestellt bekommen. All diese Wohnungen sind auf drei "Viertel" aufgeteilt: Firvalley, Cataraqui und Layton. Wenn ihr die letzten drei Sätze ein paar Mal durchlest und versucht euch auszumalen, was jedes dieser Kriterien für ein Kind bedeutet, bekommt ihr ein schwaches Bild von dem Teufelskreis, in dem die Kinder feststecken.
Falls nicht, möchte ich euch auf die Sprünge helfen:
Die Kinder sind dunkelhäutig, d.h. sie grenzen sich schonmal lediglich durch ihre Hautfarbe von der Mehrheit der Gesellschaft in Toronto ab. Ich brauche an dieser Stelle nicht erwähnen, was - laut seriöser Umfragen - dunkle Haut in einer weißen Gesellschaft für Nachteile mit sich bringt (ein weißer und ein schwarzer mit den gleichen Qualifikationen und der gleichen Kompetenz bewerben sich für einen Job - wer wird eingestellt?!)
Die Kinder sind temperamentvoll, da entweder sie selbst oder die Generation davor von Jamaika ausgewandert sind. Temperament, Starrsinnigkeit und Lebhaftigkeit gehen sehr oft Hand in Hand. Da ist es nicht schwer zu erahnen, dass die Kinder oft in einer Diskrepanz zwischen "jamaikanischer Kultur" und "kanadischer Kultur" stecken.
Die Kinder sind zwischen 5 und 14 Jahre alt, d.h. sehr leicht beeinflussbar. Diese Altersgruppe wird sehr gerne als "Runner" benutzt; mehr dazu gleich.
Die Kinder sind ohne Vater aufgewachsen. Die Mütter sind (fast) alle alleinerziehend, in ihrer Kindheit oft (sexuell) missbraucht worden und folglich größtenteils physisch und/oder psychisch kaputt. Dies wiederum hat zur Folge, dass unsere Kinder (meist die älteren Geschwister) den Haushalt alleine schmeißen müssen - von Kochen über Putzen bis hin zu Geschwister erziehen. Kurzes Beispiel: Eine unserer Mütter ist mit einem jamaikanischen Mann verheiratet, der leider kein Visum bekommen hat um nach Kanada einzuwandern. Deshalb möchte sie jetzt für einen Monat nach Jamaika fliegen um ihren Mann zu besuchen. Die Kinder bleiben allein zu Hause, was illegal ist, denn das älteste Kind ist gerade mal 16 Jahre alt und vor wenigen Tagen mit dem Messer abgestochen worden. Die Mutter juckt das jedoch überhaupt nicht. Die Kinder bleiben daheim (die zwei ältesten Geschwister (15 und 16) schmeißen den Haushalt und kümmern sich um die jüngeren Geschwister) während Mami nach Jamaika fliegt.
Die Kinder leben in staatlichen Wohnungen. Ich glaube dieses Kriterium ist ziemlich selbsterklärend: Wer in staatlichen Häusern lebt ist von der Gesellschaft ausgrenzt. Die komplette Gesellschaft schaut auf die "Assis" herab. Welche Möglichkeit hat da ein Kind in der Gesellschaft aufzusteigen? Vom Tellerwäscher zum Millionär - ein Traum! Wohl eher: Vom Tellerwäscher zum Straßenfeger.
Wer von euch kennt in Pforzheim das Mau Mau Gebiet? Wie schwer ist es, aus diesem Teufelskreis herauszukommen? Welcher Harz IV Empfänger jammert nicht, dass er nach 4 Jahren Arbeitslosigkeit fast keine Chance mehr hat in die Arbeitswelt einzusteigen?
Und last but not least (= nicht zuletzt): Die Kinder leben ALLE in 3 Vierteln und diese grenzen aneinander an. Das heißt, dass alle sozial schwachen Familien auf einem Haufen wohnen. Das größte Problem? Drogenhandel! Hier wird mit Drogen gedealt ohne Ende. Wenn ich M. (6 Jahre alt) abends nach Hause bringe und die Haustüre geht auf, werde ich erstmal vom Gestank von Marihuana ins Gesicht geschlagen. Das Haus ist jeden Tag voll mit Menschen, die sich bekiffen. Da tut es mir unendlich leid, M. in diese Verhältnisse abzuschieben. Wo diese Drogen herkommen? Von "oben" - von den "Bikers". Diese wiederum geben die Drogen an jemanden, der sie jemandem gibt, der sie jemandem gibt, der sie jemandem gibt, ... bis sie letztendlich in den Familien unserer Kinder für ca. 10$ (~7€) pro Gramm ankommen. Hier kommen die bereits erwähnten "Runner" (siehe oben) ins Spiel. Drogendealer versuchen Kinder in die Szene zu ziehen, die den Rennpart für sie übernehmen. Beispiel: Ein Drogendealer trifft einen Käufer - beide wollen anonym und möglichst sicher bleiben. Deshalb muss die Droge vom Dealer zum Käufer kommen. Wer rennt am besten? Minderjährige, da sie nicht haftpflichtig sind - d.h. Kinder unter 16 Jahren. Der Reiz für unsere Kids? Schnelles Geld. Und schon sind sie in der Drogenszene involviert. Sehr leicht rutscht man tiefer und tiefer ins Geschäft.
Ich hoffe, ihr erkennt die Gefahr des Teufelskreises. Wie kommt man da wieder raus? Nur indem man erkennt, dass vieles falsch ist und sich bewusst dagegen entscheidet; auch wenn dies zur Folge hat, pleite zu sein und sehr wahrscheinlich verschlagen oder abgestochen zu werden, denn Wissen ins bekanntlich Macht.
Wie dem auch sei. Unsere Aufgabe ist es die Kinder aus dieser Scheiße (entschuldigt meinen Wortlaut, aber das Wort passt einfach perfekt) herauszuholen. Unsere Aufgabe ist es die Kinder außer Gefahr zu bringen. Unsere Aufgabe ist es das Risiko wegzunehmen.
Deshalb holen wir die Kinder nach der Schule (15.30 Uhr) ab und gehen gemeinsam ins Camp. Das Camp ist nichts anderes als eine Kirche. Kirchen in Kanada beinhalten automatisch auch eine Turnhalle, viele viele Räume, eine Küche, etc... perfekt für ein After-School-Program (=Programm nach der Schule).
Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: die Arbeit mit den Kindern (5-10 Jahre) oder die Arbeit mit den Jugendlichen (11-14 Jahre). Ich arbeite mit den Jugendlichen, was anfangs sehr schwer war, da die Kinder den Leitern sofort um den Hals gefallen sind, während die Jugendlichen überhaupt nichts von uns wissen wollten. Beziehungen aufzubauen dauert seeeeehr lange, aber es ist einfach genial mit anzuschauen, wie wir das Vertrauen der Kinder immer mehr gewinnen und unsere Beziehung zu den Kids intensivieren können. Letztendlich bin ich mega froh, mit den Jugendlichen zu arbeiten, denn sobald man ein Fundament geschaffen hat, können die Jugendlichen einem viel mehr geben als die Kinder.
Das Programm mit den Kindern geht von 16-18 Uhr. Beinhaltet ist: Snack (die Kinder sind hungrig nach der Schule. Viele Kinder bekommen zu Hause nicht genug zu essen), Hausaufgaben machen (viele meiner 11-14 jährigen Kinder können nicht richtig lesen und schreiben, weshalb dieser Part sehr wichtig ist!), Spiele (perfekt, um Spaß mit den Kids zu haben um Beziehen auszubauen; nur so können die Kinder auch sehen, dass wir nicht nur Leiter sind, sondern auch Kinder sein und Spaß haben können), Word Up (= Bibelarbeit; die Kinder hören von Gottes Wort - viele Familien sind streng gläubig aufgrund des jamaikanischen Hintergrunds) sowie das Abschlussprogramm mit Lieder singen, Spiele mit den kleinen Kindern, Gebet und Abkündigungen.
Um 18.30 Uhr bringen wir die Kinder dann nach Hause. Zwei Stunden pro Tag ist auf den ersten Blick sehr wenig Zeit. Wir versuchen jedoch, keine Zeit zu verschwenden, sondern möglichst viel verschiedenes und für die Kinder sinnvolles reinzupacken.
Neben den zwei Stunden mit den Kindern hab ich natürlich noch so einiges anderes zu tun. Doch von meinem generellen Zeitplan möchte ich in meinem nächsten Blogeintrag berichten, sodass ich ihr einen Überblick von dem bekommt, was ich so über die Woche hinweg mache.
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