Samstag, 12. November 2011

camp hope...

...ist meine "Arbeitsstelle".
Wir alle arbeiten mit Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen. Die Kinder sind größtenteils dunkelhäutig, temperamentvoll, zwischen 5 und 14 Jahre alt, ohne Vater aufgewachsen (fast alle Mütter sind alleinerziehend) und leben in Wohnungen, die sie vom Staat zur Verfügung gestellt bekommen. All diese Wohnungen sind auf drei "Viertel" aufgeteilt: Firvalley, Cataraqui und Layton. Wenn ihr die letzten drei Sätze ein paar Mal durchlest und versucht euch auszumalen, was jedes dieser Kriterien für ein Kind bedeutet, bekommt ihr ein schwaches Bild von dem Teufelskreis, in dem die Kinder feststecken.
Falls nicht, möchte ich euch auf die Sprünge helfen:
Die Kinder sind dunkelhäutig, d.h. sie grenzen sich schonmal lediglich durch ihre Hautfarbe von der Mehrheit der Gesellschaft in Toronto ab. Ich brauche an dieser Stelle nicht erwähnen, was - laut seriöser Umfragen - dunkle Haut in einer weißen Gesellschaft für Nachteile mit sich bringt (ein weißer und ein schwarzer mit den gleichen Qualifikationen und der gleichen Kompetenz bewerben sich für einen Job - wer wird eingestellt?!)
Die Kinder sind temperamentvoll, da entweder sie selbst oder die Generation davor von Jamaika ausgewandert sind. Temperament, Starrsinnigkeit und Lebhaftigkeit gehen sehr oft Hand in Hand. Da ist es nicht schwer zu erahnen, dass die Kinder oft in einer Diskrepanz zwischen "jamaikanischer Kultur" und "kanadischer Kultur" stecken.
Die Kinder sind zwischen 5 und 14 Jahre alt, d.h. sehr leicht beeinflussbar. Diese Altersgruppe wird sehr gerne als "Runner" benutzt; mehr dazu gleich.
Die Kinder sind ohne Vater aufgewachsen. Die Mütter sind (fast) alle alleinerziehend, in ihrer Kindheit oft (sexuell) missbraucht worden und folglich größtenteils physisch und/oder psychisch kaputt. Dies wiederum hat zur Folge, dass unsere Kinder (meist die älteren Geschwister) den Haushalt alleine schmeißen müssen - von Kochen über Putzen bis hin zu Geschwister erziehen. Kurzes Beispiel: Eine unserer Mütter ist mit einem jamaikanischen Mann verheiratet, der leider kein Visum bekommen hat um nach Kanada einzuwandern. Deshalb möchte sie jetzt für einen Monat nach Jamaika fliegen um ihren Mann zu besuchen. Die Kinder bleiben allein zu Hause, was illegal ist, denn das älteste Kind ist gerade mal 16 Jahre alt und vor wenigen Tagen mit dem Messer abgestochen worden. Die Mutter juckt das jedoch überhaupt nicht. Die Kinder bleiben daheim (die zwei ältesten Geschwister (15 und 16) schmeißen den Haushalt und kümmern sich um die jüngeren Geschwister) während Mami nach Jamaika fliegt.
Die Kinder leben in staatlichen Wohnungen. Ich glaube dieses Kriterium ist ziemlich selbsterklärend: Wer in staatlichen Häusern lebt ist von der Gesellschaft ausgrenzt. Die komplette Gesellschaft schaut auf die "Assis" herab. Welche Möglichkeit hat da ein Kind in der Gesellschaft aufzusteigen? Vom Tellerwäscher zum Millionär - ein Traum! Wohl eher: Vom Tellerwäscher zum Straßenfeger.
Wer von euch kennt in Pforzheim das Mau Mau Gebiet? Wie schwer ist es, aus diesem Teufelskreis herauszukommen? Welcher Harz IV Empfänger jammert nicht, dass er nach 4 Jahren Arbeitslosigkeit fast keine Chance mehr hat in die Arbeitswelt einzusteigen?
Und last but not least (= nicht zuletzt): Die Kinder leben ALLE in 3 Vierteln und diese grenzen aneinander an. Das heißt, dass alle sozial schwachen Familien auf einem Haufen wohnen. Das größte Problem? Drogenhandel! Hier wird mit Drogen gedealt ohne Ende. Wenn ich M. (6 Jahre alt) abends nach Hause bringe und die Haustüre geht auf, werde ich erstmal vom Gestank von Marihuana ins Gesicht geschlagen. Das Haus ist jeden Tag voll mit Menschen, die sich bekiffen. Da tut es mir unendlich leid, M. in diese Verhältnisse abzuschieben. Wo diese Drogen herkommen? Von "oben" - von den "Bikers". Diese wiederum geben die Drogen an jemanden, der sie jemandem gibt, der sie jemandem gibt, der sie jemandem gibt, ... bis sie letztendlich in den Familien unserer Kinder für ca. 10$ (~7€) pro Gramm ankommen. Hier kommen die bereits erwähnten "Runner" (siehe oben) ins Spiel. Drogendealer versuchen Kinder in die Szene zu ziehen, die den Rennpart für sie übernehmen. Beispiel: Ein Drogendealer trifft einen Käufer - beide wollen anonym und möglichst sicher bleiben. Deshalb muss die Droge vom Dealer zum Käufer kommen. Wer rennt am besten? Minderjährige, da sie nicht haftpflichtig sind - d.h. Kinder unter 16 Jahren. Der Reiz für unsere Kids? Schnelles Geld. Und schon sind sie in der Drogenszene involviert. Sehr leicht rutscht man tiefer und tiefer ins Geschäft.
Ich hoffe, ihr erkennt die Gefahr des Teufelskreises. Wie kommt man da wieder raus? Nur indem man erkennt, dass vieles falsch ist und sich bewusst dagegen entscheidet; auch wenn dies zur Folge hat, pleite zu sein und sehr wahrscheinlich verschlagen oder abgestochen zu werden, denn Wissen ins bekanntlich Macht.

Wie dem auch sei. Unsere Aufgabe ist es die Kinder aus dieser Scheiße (entschuldigt meinen Wortlaut, aber das Wort passt einfach perfekt) herauszuholen. Unsere Aufgabe ist es die Kinder außer Gefahr zu bringen. Unsere Aufgabe ist es das Risiko wegzunehmen.
Deshalb holen wir die Kinder nach der Schule (15.30 Uhr) ab und gehen gemeinsam ins Camp. Das Camp ist nichts anderes als eine Kirche. Kirchen in Kanada beinhalten automatisch auch eine Turnhalle, viele viele Räume, eine Küche, etc... perfekt für ein After-School-Program (=Programm nach der Schule).
Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: die Arbeit mit den Kindern (5-10 Jahre) oder die Arbeit mit den Jugendlichen (11-14 Jahre). Ich arbeite mit den Jugendlichen, was anfangs sehr schwer war, da die Kinder den Leitern sofort um den Hals gefallen sind, während die Jugendlichen überhaupt nichts von uns wissen wollten. Beziehungen aufzubauen dauert seeeeehr lange, aber es ist einfach genial mit anzuschauen, wie wir das Vertrauen der Kinder immer mehr gewinnen und unsere Beziehung zu den Kids intensivieren können. Letztendlich bin ich mega froh, mit den Jugendlichen zu arbeiten, denn sobald man ein Fundament geschaffen hat, können die Jugendlichen einem viel mehr geben als die Kinder.
Das Programm mit den Kindern geht von 16-18 Uhr. Beinhaltet ist: Snack (die Kinder sind hungrig nach der Schule. Viele Kinder bekommen zu Hause nicht genug zu essen), Hausaufgaben machen (viele meiner 11-14 jährigen Kinder können nicht richtig lesen und schreiben, weshalb dieser Part sehr wichtig ist!), Spiele (perfekt, um Spaß mit den Kids zu haben um Beziehen auszubauen; nur so können die Kinder auch sehen, dass wir nicht nur Leiter sind, sondern auch Kinder sein und Spaß haben können), Word Up (= Bibelarbeit; die Kinder hören von Gottes Wort - viele Familien sind streng gläubig aufgrund des jamaikanischen Hintergrunds) sowie das Abschlussprogramm mit Lieder singen, Spiele mit den kleinen Kindern, Gebet und Abkündigungen.
Um 18.30 Uhr bringen wir die Kinder dann nach Hause. Zwei Stunden pro Tag ist auf den ersten Blick sehr wenig Zeit. Wir versuchen jedoch, keine Zeit zu verschwenden, sondern möglichst viel verschiedenes und für die Kinder sinnvolles reinzupacken.
Neben den zwei Stunden mit den Kindern hab ich natürlich noch so einiges anderes zu tun. Doch von meinem generellen Zeitplan möchte ich in meinem nächsten Blogeintrag berichten, sodass ich ihr einen Überblick von dem bekommt, was ich so über die Woche hinweg mache.


Ein Teil unserer Truppe
Liebe Grüße aus dem kälter werdenden Kanada,
euer Kevin

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